Gedenken an Mehmet Turgut

gedenkenAm 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut von Neonazis der Terrorgruppe NSU in einem Rostocker Imbiss ermordet. Zehn Jahre nach der Tat gedachten mehrere hundert Menschen am Tatort in Rostock-Toitenwinkel dem Opfer rassistischer Gewalt.

„Mein Bruder wurde von Nazis umgebracht“

mustafa

Mustafa Turgut

Gleich zwei Gedenkveranstaltungen fanden am Dienstag, dem 25. Februar, am frisch eingeweihten Mahnmal für Mehmet Turgut statt. Um 10 Uhr morgens versammelten sich rund 250 Menschen, um dem offiziellen Gedenken der Stadt Rostock beizuwohnen. Neben den Ansprachen des Rostocker Oberbürgermeister Methling (parteilos), der Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer John (CDU) und des türkischen Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu, stach vor allem die sehr persönliche Rede Mustafa Turguts heraus. Der jüngere Bruder Mehmet Turguts beschrieb das Leid der Familie durch den Verlust Mehmets und die falschen Verdächtigungen gegen die Angehörigen. Außerdem verdeutlichte er, dass die Familie schon früh ein rassistisches Tatmotiv vermutete: „Es müssen Nazis gewesen sein. Keiner glaubte uns jedoch und jetzt kommt alles raus.“

alleGemeinsam legten die Brüder Mustafa und Yunus Turgut zum Ende der Veranstaltung einen Kranz für ihren ermordeten Bruder nieder. Zahlreiche Menschen brachten ebenfalls Blumen und Kerzen. Auch die provisorische Gedenktafel, die bislang an den Todestag Turguts erinnerte, wurde wieder aufgestellt.

„O Rostock’lu değildive…“

rostocklu

„Er war kein Rostocker und ist illegal hier gewesen. K. Jens“

Die Initiative „Mord verjährt nicht!“, in der auch wir uns als Gruppe engagieren, hatte im Vorfeld zu einer kritischen Teilnahme an der städtischen Veranstaltung aufgerufen. Rund 50 Antifaschist_innen folgten dem Aufruf und präsentierten während der Rede der Rostocker Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU) Schilder mit der Aufschrift: „Er war kein Rostocker und ist illegal hier gewesen. K. Jens“. Diese Worte äußerte Jens im Diskurs um das Gedenken an Mehmet Turgut. Ein Sprecher der Initiative betonte die Aktion beziehe sich „auf die rassistischen Argumentationen die im Gedenkdiskurs aufgekommen sind“. Für die Initiative ist es nicht tragbar, dass Turgut sogar noch im Austausch um ein Gedenken als fremd abgewertet und aus der städtischen Gesellschaft ausgegrenzt wird.

Antifaschistisches Gedenken

Mitat Özdemir

Mitat Özdemir

Um 17 Uhr versammelten sich noch einmal Menschen am Tatort, um an Mehmet Turgut zu erinnern. Rund 70 Antifaschist_innen, folgten unserem Aufruf. Auf der kurzen Veranstaltung sprachen Vertreter_innen der Antifaschistischen Jugendgruppe aus Rostock und Mitat Özdemir, Betroffener des NSU-Nagelbombenanschlags auf die Kölner Keupstraße. Im Anschluss an die Reden hielten die Anwesenden eine gemeinsame Schweigeminute ab und legten Kränze und Kerzen nieder.

Jugendliche aus einem nahen Jugendzentrum störten die Zeremonie mit Musik. Auf dem Hof des Zentrums musste die Polizei drei Neonazis in Schach halten.

Im Anschluss an das Gedenken sprach Mitat Özdemir vor rund 60 Personen im Peter-Weiss-Haus über die Vorfälle in Köln, die rassistischen Verdächtigungen gegen die Betroffenen durch die Polizei und das dortige gesellschaftliche Klima seit dem Anschlag im Jahre 2004.

Mehmet-Turgut-Weg

Laut Polizeimeldung verwirklichten Unbekannte die Forderung nach der Einrichtung eines Mehmet-Turgut-Wegs in den Nächten vor dem 25. Februar. Sie benannten den am Tatort gelegenen Neudierkower Weg, sowie 30 weitere Straßen im Stadtgebiet um.

Von der Forderung nach der Einrichtung eines Mehmet-Turgut-Wegs werden auch wir als Antifa Rostock nicht abrücken. Für uns stellt so eine Straßenbennenung eine Zementierung des Gedenkens an Mehmet Turgut im städtischen Alltag dar. Die reflexartige Ablehnung der Idee durch kommunale Gremien bestärkt uns in diesem Vorhaben und zeigt gleichzeitig wie wenig bereitwillig in Rostock Mehmet Turgut, dem fünften Opfer einer bundesweiten rassistischen Mordserie, gedacht wird. Dieses unmögliche Verhalten ist wohl einmalig unter den Städten in denen der NSU mordete.

Doch nicht nur in Bezug auf den offiziellen und äußerst fragwürdigen Umgang der Stadt im Hinblick auf ein Gedenken an Mehmet Turgut hat Rostock ein trauriges Alleinstellungsmerkmal.
Auch gab es hier den einzigen Angriff auf eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der rassistischen Mordserie des NSU.
Kaum beachtet ereignete sich erst am 20. Februar diesen Jahres ein weiterer Anschlag. Unbekannte warfen während der Eröffnung der Ausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ einen Stein in ein Fenster des Ausstellungsraums. Vermutlich waren auch hier Neonazis am Werk.

Weitere Berichte: Kombinat Fortschritt, Jungle World, Taz, NDR: 1 und 2, Ostsee-Zeitung, Nordkurier, Endstation Rechts

Videos: ZDF, NDR

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