A never ending story: Neubrandenburg und die Naziaufmärsche

plakatflyerSeit 2001 musste Neubrandenburg in acht Jahren für faschistische Aufmärsche herhalten und es ist kein Ende in Sicht. Denn auch 2015 wollen sie wieder am 1. Mai in der Stadt marschieren. Ein Abriss von Neonaziaufmärschen in Neubrandenburg.

Alle Jahre wieder kommen die Neonazis nach Neubrandenburg, das geht nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt so. Immer wieder nutzen die Faschisten/innen die Vier Tore Stadt als Bühne, denn sie wissen, wenn es in anderen Städten Mecklenburg-Vorpommerns nicht so gut läuft, dann kann man es mal wieder in Neubrandenburg versuchen.

Der 14.07.2001 kann als Auftakt dieser schlechten Tradition gesehen werden. 150 Neonazis marschierten an diesem Tag durch die Stadt am Tollensesee und standen dabei etwa 2000 Antifaschist_innen aus verschiedenen Spektren gegenüber. Rund 1000 Menschen bildeten eine Blockade, doch schon damals war es in MV nicht anders als heute. Die Bullen wendeten massive Gewalt gegen Nazigegner_innen an, die trotz parlamentarischem Nachspiels folgenlos blieb. „Dank“ der Polizei konnten die Faschisten/innen laufen, wenn auch nur unter Obst- und Gemüsehagel. Federführend bei der Organisation waren zu jener Zeit noch die Freien Kameradschaften, die Jahre später die NPD MV wiederbelebten und übernahmen.

Schon im darauf folgenden Jahr konnten die Neonazis ihre Teilnehmer/innenzahl mehr als verdoppeln. Rund 360 Faschisten/innen liefen am 19.10.2002 durch die Südstadt und wurden zeitweilig von hunderten Antifaschist_innen blockiert. Die rund 700 Gegendemonstrant_innen zeigten deutlichen Protest, doch wie bereits im Vorjahr prügelte die Polizei den rechten Aufmarsch durch. Verantwortlich für den Marsch zeichnete sich, wie bereits 2001, der Usedomer Kameradschafter Enrico Harmisch.

2003 konnte kein Aufmarsch der Neonazis in Neubrandenburg verzeichnet werden, dafür marschierten sie schon am 03.04.2004 wieder durch die Stadt. Erneut kamen um die 360 Faschisten/innen zusammen, um im Zuge der Hartz 4 Reformen ihre Propaganda zu verbreiten. Und wieder gingen an die 800 Menschen gegen den Aufmarsch auf die Straße, der zwar umgeleitet werden musste aber dennoch stattfand. Maßgeblich organisiert wurde der Marsch von der Pommerschen und der Mecklenburgischen Aktionsfront (PAF und MAF), zwei Gruppen die sich später selbst auflösten, bzw. verboten wurden (MAF 2009). Ein Großteil der damals aktiven Kader der beiden Gruppen traten auf dem Landesparteitag der NPD 2006 in Greifswald der Partei bei und zogen mit ihr wenig später mit 7,3% der Wähler_innenstimmen in das Landesparlament ein. Der Neonazikader und NPD-Abgeordnete David Petereit, der auch im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum NSU steht, war jahrelang maßgeblich an der Mecklenburgischen Aktionsfront beteiligt.

Auch 2005 blieb die Stadt nicht von einem Aufmarsch verschont. 400 bis 450 Neonazis, die wie in den Vorjahren aus Brandenburg, Berlin, Schleswig-Holstein und MV angereist waren, folgten dem Ruf der MAF und dem neu gegründeten Sozialen und Nationalen Bündnis Pommern (SNBP). Zum vierten mal in Folge trat der bekannte Neonaziaktivist Lutz Giesen als Redner auf, der später sogar zum Landtagsmitarbeiter der NPD MV avancierte. Antifaschistische Gruppen mobilisierten gegen den Marsch und brachten rund 600 Menschen auf die Straße. Die protestierten lautstark und sorgten sogar für eine Umleitung der rechten Veranstaltung. „Diese Stadt hat Nazi satt!“, titelte der Nordkurier im Nachgang.

Am 1. Mai 2006 traten die Neonazis unter den Fahnen der NPD dann zum Großaufmarsch in Rostock an. Um der geliebten Tradition aber treu zu bleiben, holten die Faschisten/innen ihre Veranstaltung schon am 27. Mai 2006 nach. In der Folge mussten MAF und SNBP einen Teilnehmer/inneneinbruch verzeichnen. Nur 200 Rechte konnten trotz einiger Blockadeversuche durch die Stadt ziehen.

Auch am 1. Mai 2007 blieb die südmecklenburgische Stadt nicht verschont vom braunen Wanderzirkus. Möglicherweise gepushed durch den Landtagseinzug der NPD 2006, schafften es die Neonazis mit fast 700 Teilnehmern einen neuen Rekord für ihren Maiaufmarsch in NB aufzustellen. Die zahlenmäßig stark unterlegenen Gegenseite, die im Rahmen einer Antifademonstration lediglich 400 Menschen auf die Straße brachte, blieb aber dennoch nicht tatenlos. Immer wieder mussten die Faschisten/innen sich vor Stein- und Flaschenwürfen in Sicherheit bringen, die Polizei hatte mit einem aufgebrachten Antifablock allerhand zu tun und schließlich mussten die Neonazis wegen einer Blockade auch noch über einen Hinterhof geleitet werden. Trotz ihres zahlenmäßigen Erfolgs, war der Tag für sie wohl eher eine Niederlage.

Im Folgejahr marschierte die NPD aufgrund einer rechten Maidemonstration in Hamburg, die im Chaos versank, erst Anfang Juni in Neubrandenburg auf. Anmelder der Veranstaltung war Michael Grewe, den die Polizei wenige Monate zuvor noch per Fahndungsfoto suchte. Die Teilnehmer/innenzahl brach gegenüber 2007 deutlich ein. Nur 330 Neonazis marschierten am 07.06.2008 ohne nennenswerte Störungen durch Plattenbaugebiete. Kurioser Weise formierte sich am Ende des Marschzuges ein „autonomer“ Block, in dem sich unter anderem Neonazis der Gruppe Nationale Sozialisten Rostock maßgeblich einbrachten. Allerdings konnten die 70 „autonomen“ Nationalisten/innen ihre Unabhängigkeit gegenüber der Demonstrationsleitung nicht durchsetzen und mussten letztlich geordnete Dreierreihen bilden. Ein Neonaziredner stellte klar, dass man nicht bei „Hottentotten und Bolschewiken“ sei. Die Demonstrationsform konnte sich nach kurzem Streit in der Neonaziszene des Bundeslandes nicht durchsetzen und verschwand zügig.

2009 sollte dann alles anders kommen. Eine faschistische 1. Mai – Demonstration von NPD und Kameradschaften in Neubrandenburg wurde am 30.04. kurzer Hand abgesagt. Die genehmigte Demonstrationsroute hätte sie in ein tristes Industrieviertel geführt. Stattdessen marschierten 120 Neonazis spontan durch Greifswald, wo ihnen kaum Widerstand entgegenschlug. Neubrandenburger Antifaschist_innen nutzten die ungewöhnliche Konstellation, um eine spontane Demonstration durch die Innenstadt abzuhalten.

Für 2010 und 2011 sind keine Neonaziaufmärsche aus Neubrandenburg bekannt. Stattdessen marschierten sie zum 1. Mai 2010 in Rostock und 2011 in Greifswald.

Im Jahr 2012 sollte es dann wieder soweit sein. Die NPD rief zum Maiaufmarsch und 300 Kameraden/innen folgten. Unter ihnen auch die einstigen „autonomen“ Nationalisten/innen, die sich mittlerweile wieder brav in den braunen Einheitsmarsch eingereiht hatten. Durch ein ausgeklügeltes Blockadekonzept der Nazigegner_innen mussten die Rechten auf die Route ausweichen, die sie 2009 noch abgelehnt hatten, und fortan durch leere Industriebrachen laufen. Die Polizei räumte immer wieder Blockaden der rund 550 Antifaschist_innen. Letztlich konnten die hiesigen Neonazis sich den Tag im Gegensatz zum Rest der rechten Szene in Deutschland als Erfolg verkaufen.

Für 2013 und 2014 sind wiederum keine rechten Aufmärsche aus der Stadt bekannt.

Doch nun ist es wieder soicon_300-237x300weit, die NPD hat angekündigt am 1. Mai durch Neubrandenburg marschieren zu wollen und das am liebsten durch die Oststadt. Das 2012 gegründete Bündnis Neubrandenburg Nazifrei! hat sich reaktiviert und plant bereits eine Gegendemonstration. Die Basisgewerkschaft IWW Rostock will sich den Kampftag der Arbeiter_innen nicht nehmen lassen und ruft zu einem antikapitalistischen Block innerhalb der Demonstration auf. Das der Marsch der Faschisten/innen in diesem Jahr endlich verhindert wird und es nicht wieder so ähnlich läuft, wie all die Jahre zuvor in Neubrandenburg, dazu kann jede/r Einzeln_e am 1. Mai 2015 in Neubrandenburg beitragen!

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